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Wahr oder unwahr, es ist ganz einerlei
Ich bekam gestern ein Buch geschenkt, genauer gesagt eine Anekdotensammlung (die ich-weiß-nicht-wievielte mittlerweile, die sich wie die anderen neben den Zitatensammlungen wiederfinden wird): „Wenn ich die Wahrheit sagen sollte, müßte ich lügen“; Hrsg. Peter Köhler, Philipp Reclam jun. Stuttgart.
Immer wieder nett, in solchen Sammlungen zu schmökern und sich über die Charak-terisierungen einzelner Berühmtheiten oder solcher, die dafür gehalten wurden, zu amüsieren – immer mit der Frage: Stimmt es? Könnte ja durchaus sein; muß aber nicht. Wie Anekdoten eben so sind.
Ein paar haben mir besonders gefallen:
„Ein amerikanischer Multimillionär hatte Enrico Caruso eingeladen, in seinem Haus zu singen. Caruso lehnte sonst solche Einladungen ab, aber diesmal war der Scheck, der der Aufforderung beilag, so hoch, daß er eine Ausnahme machte. Als er am festgesetzten Abend im Frack mit allen Orden erschien, fand er zu seinem Erstaunen nicht die erwartete Gesellschaft vor; der Mäzen hielt sich allein in seinem Musikzimmer auf. Caruso fragte verwundert, wann und was er singen solle. Der Millionär antwortete gleichgültig: „Jetzt gleich, einerlei was.“ Verblüfft gab Caruso seinem Begleiter am Flügel ein Zeichen, und einen Takt später füllte die herrlichste aller Stimmen den Raum. Im gleichen Augenblick jedoch begann ein großer Hund, der neben dem Flügel lag, entsetzlich zu heulen. Erschrocken brach Caruso ab. Da sagte der Amerikaner: „Herr Caruso, mein Hund heult, sowie er Musik hört. Es hatte mich interessiert, ob er auch bei Ihrem Gesang heult. Ich danke Ihnen.“ (S. 50)
„Freunde von Brecht diskutierten über die alte Streitfrage: Was ist Kunst? Nach langer Debatte sagte einer ärgerlich: „Alles Quatsch. Kunst ist, wenn man mitten in die Stube scheißt.“ Brecht horchte auf und begann zu überlegen. „Nein“, sagte er. „Kunst ist, wenn man unter Beifall mitten in die Stube scheißt.“ (S. 154)
„Bernard le Bovier de Fontenelle aß leidenschaftlich gern Spargel in Öl. Ein Freund, den er zu seinem Diner einlud, liebte Spargel in Butter, weshalb Fontanelle seiner Wirtin aufgab, die Hälfte des Spargels in Butter zuzubereiten. Kurz vor Tisch überfiel den Gast eine Übelkeit, er sank zu Boden und hatte einen Schlaganfall erlitten. Fontenelle sprang auf, stürzte in die Küche und rief: „Alle in Öl! Alle in Öl!“ (S. 159)
Ob das nun alles wahr ist? Wahrscheinlich ist es so, wie der Publizist Gottfried Heindl sagt:
„Es gibt keine wahren und unwahren, es gibt nur gute und schlechte Anekdoten.“
